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Zugehört: Damien Rice

Was gibt es schöneres, als das Album auf das man seit acht Jahren gewartet hat, mit einem guten Freund zu teilen, mit dem man jenen Damien Rice seit mindestens acht Jahren teilt.
Zwei Menschen, die gleichzeitig geflashed sind, ohne am selben Ort zu sein mit komplett unterschiedlichen Voraussetzungen. Hier Reykjavik, dort Aiterhofen. Und “My Favourite Faded Fantasy” von Damien Rice:

“My Favourite Faded Fantasy”
Aiterhofen: Was mich ärgert ist, dass drei Songs von acht vorher schon zu hören waren.
Ich hätte mir in die Hosen gemacht, hätte ich die Songs nicht im Vorfeld gekannt.
Geweint wie ein kleines Kind. Jetzt war ich schon etwas gefasster. Die drei Pres sind natürlich mehr als irre! Bin gespannt, was mit den anderen noch passieren wird, endlich wieder was zu entdecken.

“It Takes A Lot to know a Man”
Reykjavik: Sag was!
Aiterhofen: Sag du doch was!
Reykjavik: Schönes Piano. Oh, und das Ende ist toll! Das macht den Song unvorhersehbar.
Aiterhofen: Absolut! Streicher alla Rubin.
Reykjavik: Ach, das ist noch gar nicht das Ende….WOW!
Er verändert sich in der Mitte von etwas harmlosen zu etwas fast bedrohlichem, oder gewaltigem. Und dann bricht er wieder und Feuer knistert. ich sitze mit ihm in einem Raum, er spielt Piano und ich lausche. Aber nicht als anwesender Mensch, eher als Gemälde oder als altes Foto in einem Bilderrahmen auf dem Kamin, weil das so intim und nah ist, dass eine Person im Raum stören würde.
Aiterhofen: Knister knister, Piano. Mein Wein erzählt grad die selbe Story. Erst ist er bitter, schmeckt nach Eisen. Kaum eine halbe Stunde offen, entwickelt sich sein Geschmack. Brombeere. War vorher nicht zu schmecken. Die Streicher sind sooo toll eingesetzt zum Schluss hin und dann die Bläser. Baaaammmmmm – wie man so im Jugendjargon sagt.
Reykjavik: Den Song find ich wirklich bombastisch, wunderschön, er füllt einen tollen Raum und riecht nach Kaminholz, nach Wein auf selbigem und ein bisschen Staub in den Ecken. Nach einem frisch gewaschenem Hemd, in dem Damien am Piano sitzt. Barfuß.
Aiterhofen: Der ist irre lang! Fazit?
Reykjavik: Also bis zur Hälfte dachte ich, ok. Und dann kam der Bruch, die unvorhergesehene Wendung.
Aiterhofen: Klavier und dann die geilen Streicher. Super gemacht. Gänsehaut.
Reykjavik: Überrascht, Gänsehaut, verzaubert!

“The Greatest Bastard”
Reykjavik: ich würde ihn als klassischen Damien bezeichnen…sehr minimalistisch. Man hört, wie er die Saiten anschlägt und atmet. Das mag ich.
Aiterhofen: Grooooßßß, klassisch, mit der beste bisher. Und jetzt sind wir erst bei Song 3!
Die Melodie pulsiert wie wild durch meinen Körper. Der edelste Wein ist den Song nicht wert

“I Dont Want To Change You”
Aiterhofen: Streicher auch wieder top. modern, aber passend bzw bisschen wie die alten Soul Sachen. gut gemacht.
Reykjavik: Zu dem Song hab ich eine schöne Situation: wir hielten nach einem wunderschönen Mooslavafeld irgendwo an nem Straßenrand…weil das Licht so toll war, so friedlich, so ….und dann kamen die ersten Töne von “I dont want to change you” aus dem Radio…und ich hab Gänsehaut bekommen.

“Colour Me In”
Aiterhofen: boahhh Explosion! Wie hat mir das gefehlt!
Reykjavik: Gänsehaut durchzieht sich. Mir kullern grad ein paar Tränen, weil der Song so schön und gewaltig ist!
Aiterhofen: Jede Träne ist es wert.
Reykjavik: Ich befürchte ich werde die ganze Nacht das Album hören!

“The Box”
Reykjavik: Ich komme langsam wieder dahin, mich für Musik zu begeistern, hatte und brauchte ich lange Zeit nicht…tatsächlich nicht…einfach mal für sich sein, Natur hören und genießen
Aiterhofen: Alles ist Musik. Schwingung. jedes Geräusch. selbst die Stille schwingt. oft noch schöner als alles Gespielte.
Reykjavik: Aber Damien ist der auf den ich mich seit acht Jahren gefreut hab.
Aiterhofen: Er kam zur richtigen Zeit.
Reykjavik: Er wäre immer zur richtigen Zeit gekommen. FUCK…er weiß doch immer wieder zu überraschen!
Aiterhofen: Rick Rubin, der Hund, hat ihm da schon ein paar fette Streicher hingezaubert und ihn aber auch pure gelassen. Kein Ausfall bisher.
Reykjavik: ich finde das passt alles ziemlich gut zusammen und “The Box” ist der Hammer!
Aiterhofen: Erst erinnert er sehr an “Blowers Daughter”
dann…geht er eine tolle andere Richtung.

“Trusty And True”

Aiterhofen: Trotz der kurzen Tracklist ist es eine relativ lange Spielzeit.
Ahhhh
Geil
Zweistimmig
Sehr irisch
Ich hab die Instrumentenliste im Booklet gelesen. Irre viele Instrumente sind am Start aber man merkt das nicht. Klingt alles ehrlich.
Reykjavik: Und klingt alles erdig. Dieser Song ist aber bisher der poppigste.
Aiterhofen: Er hat sich verändert, aber in einem guten Rahmen.
Sehr poppig! Hab in nem Interview gelesen, dass er sich gegen Radiosongs wehrt, deshalb sind die Songs auch immer über 5 min. Großartig. Zusätzlich ist der Wein den ich grade trinke, einer der besten. Passt alles irgendwie heute.
Reykjavik: Hab heut nen kleinen Schnipsel über die Entstehungsphase gesehen…da meinte er auch, dass er mit Druck nicht arbeiten kann, dass er Inspiration und Zeit braucht.
Aiterhofen: Schade, dass du dich nicht mit mir betrinkst. das wär es wirklich wert.

“Long Long Way”
Aiterhofen: Uuuhhhhh, sehr sphärisch!
Reykjavik: Ja sphärisch, aber dann bombastisch. Guter Abschluss!
Aiterhofen: Ich höre viele Alben und oft denk ich mir, boah, das ist krass gespielt.
Instrumental geile picking Gitarre, irrer Basslauf usw.
Das dachte ich zu keiner Sekunde bei Damien.
Das kann fast jeder Anfänger spielen.
Aber mich kriegen diese ausgeheckten Sachen nicht so arg, als wenn einer Songs schreiben kann und dann noch so interpretieren. Viele studierte Musiker maskieren ihre fehlenden Songwritingkünste durch Können am Instrument. Er muss nix maskieren.
Ich hab sieben Lieblingslieder und das achte gibt sich Mühe.
Der schönste Abend des Jahres, ohne dass irgendetwas passiert.
Nur Musik
und deine Worte
Toooooollll
danke
Das war ne großartige Idee!
War hoffentlich meine.
Reykjavik: ich glaube es war unsere…wir haben es beinahe gleichzeitig ausgesprochen.

Die Erwartungshaltung war groß, die Vorfreude ebenso und ein wenig auch die Angst vor Radiohits, Ausverkauf und Mainstream. Doch davon ist der Ire weit entfernt, auch wenn seine Songs noch das kühlste Herz erweichen könnten. Mit “My Favourite Faded Fantasy” knüpft er also da an, wo er mit seinen vorgängigen Erfolgsalben “9” und “O” vor acht Jahren aufgehört hat. Und ich kann nicht aufhören, mich verzaubern zu lassen. Bleib noch ein bisschen Damien!

 

 

 

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My favourite faded fantasy…

Es war im November 2006, ich damals für ein langes Wochenende in London. Kurz vorm Release des zweiten Albums “9” vom Iren Damien Rice. Dass in Irland und England das Album ein paar Tage früher als in Deutschland erscheinen wird, realisierte ich, als ich die riesigen Werbeplakate aushängen sah. Überglücklich kam ich zurück nach hause und schloss mich in meinem Zimmer ein. Und war verzaubert, denn auch beim zweiten Album hatte Damien Rice es geschafft, mich in seinen Bann zu ziehen, mir den Atem zu rauben, die Tränen in meine Augen schießen zu lassen. Meine Verehrung ebbt nicht ab, obwohl ich eine lange Zeit seine Songs nicht gehört habe, aber immer stand ich in den Startlöchern, um die neuesten Neuigkeiten von ihm aufzusaugen. Doch nichts. Oder nur häppchenweise.

Kaum ein Künstler lässt sich so wenig von Plattenindustrie und Fanflehen beeinflussen wie Damien Rice. Hier und da ist er in den letzten Jahren aufgetreten, immer seine Songs von seinen viel umjubelten Erfolgsalben “O” und “9” im Gepäck und immer eine gewisse Geheimniskrämerei im Mundwinkel. Jeder wartete gespannt auf neue Songs oder eine Ansage, wann diese denn auf eine CD oder LP gepresst endlich erscheinen werden. Seit Ewigkeiten war seine Homepage “under construction”, was hoffen ließ. Und nun kündigt er auf seiner Facebookseite, in seinem Newsletter an, am 31. Oktober in Irland ein neues Album mit dem schönen Namen “My favourite faded fantasy” herauszubringen.

Das Herz hüpft, das Bauchkribbeln setzt ein und jeder Muskel ist angespannt, weil der Körper auf den Sprung wartet, der ihn am 3. November in die Plattenläden führen wird, um mit einer Ausgabe des “My favourite faded fantasy”-Albums Hand in Hand durch die Straßen zu hüpfen. Damit das Warten nicht ganz so zermürbend ist, gibts sogar ein Songfragment. Die Tage sind gezählt!

http://www.youtube.com/watch?v=xGIIfNxfUAE&feature=youtu.be

Zugehört: All The Luck In The World

Stimmung durch Bilder und Musik – das konnten die Haldern-Video-Macher schon immer irgendwie. So verwunderte es nicht, dass mich der Song “Your Fires” zum ersten Haldern-Video für 2014 vom Dezember derart gefangen nahm und mich sofort mit voller Breitseite auf den Namen der Band stieß, zu der jener Song gehört. Gewöhnlich ist es mit langen Bandnamen immer etwas schwierig, doch wenn es sich um einen so schönen Namen wie bei All The Luck In The World handelt, sollte man sich Zeit und ein Ohr nehmen, diesem weltlichen Glück zuzuhören. Eigentlich wollten die drei unglaublich jungen Iren “nur” ihre Musik in ihrem Wohnzimmer für Freunde aufnehmen, doch mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum (Haldern Pop Recordings /Barfilm Records) werden sie nun in mehreren Wohnzimmern zu Gast sein.

Dass es sich dabei nicht um die Neuerfindung des Singer-Songwriter-Genres handelt, dürfte schnell klar sein. Aber muss es denn immer was neues sein in dieser Welt, in der überall mit Neuheiten und Neuerungen geworben wird?! Kann man sich nicht auch auf bereits Bestehendes besinnen? Man kann, im Fall von All The Luck In The World!

Nicht schlecht staunten sie vermutlich, als ihr Video zu ihrem Song “Never” binnen kürzester Zeit auf mehrere zehntausend Klicks kam. Grund war eine Schaltung des Songs für einen großen Reiseanbieter. Neil Foot, Kelvin Barr und Ben Connolly spielen in ihrer Musik mit ganz einfachen Mitteln, Inhalte die den Menschen bewegen, Töne die ihn berühren. Man hat das Gefühl neben ihnen im Wohnzimmer zu sitzen, während die Jungs von den Fleet Foxes und Foals zusammen Karten spielen und der Kamin knistert. Ausgelassenes Lachen zwischen Songs über Liebe, Freundschaft und Verlust, hier und da ein Schlückchen Wein. Man fällt sich in die Arme beim Abschied später am Abend, wenn alle in ihren schweren Winterschuhen in die Nacht verschwinden und einen mit einem wohligwarmen und aufgehobenen Gefühl zurücklassen. Glück kann so einfach sein!

Erstveröffentlicht auf concert-news.de

Zugehört: James Vincent McMorrow

JVMcmorrow_posttropicalEs ist also wahr: verkauzte rotbärtige irische Songwriter ziehen sich zum Arbeiten an ihren Songs in die Einöde zurück. Klischee olé. Da gehen im Kopf lauter Lampen an, oder aus, wie mans nimmt. Und James Vincent McMorrow hat es schon wieder getan. Diesmal in der Nähe der mexikanischen Grenze. Aber zu hören ist von dem geographischen Einfluss nichts auf seinem neuen Album “Post Tropical”. Dafür hat er aber nicht nur den Sprung über den Ozean gewagt, sondern einen riesen Sprung in eine andere Richtung als man es nach dem Vorgängeralbum erwartet hatte.

Fühlte man sich auf “Early In The Morning” noch mehr an die Folkhelden Fleet Foxes und Mumford & Sons erinnert,  fängt gleich beim ersten Song des neuen Albums – “Cavalier” –  das Musikkopfkino an zu rattern. Wesentlich leisere Töne schlägt “Post Tropical” bereits am Anfang an. Da gibt es ruhige Keyboardklänge, Handclaps und die mehr als präsente oft in hohen Tönen gesungene hohe Stimme McMorrows. Schenkt man dem Album bis zum letzten Ton seine Aufmerksamkeit, so fallen Elektrobeats auf, wie man sie schon bei James Blake entdeckt hat, gibt es die bombastischen Orchester-Momente (wie im Titelsong) und findet man HipHop-Referenzen. Das alles passt wunderbar zu den zerbrechlich schönen Lyrics, z.B. wenn McMorrow singt: “I need someone to love, someone to hold”.

Der schüchterne Ire hat die Krux des zweiten Albums mit Bravour gemeistert, auch wenn die Songs auf “Post Tropical” weniger im Ohr hängen bleiben als beim Vorgänger. Aber dafür bleiben sie im Kopf hängen und gesellen sich zu denen von Bon Iver, James Blake und immer noch auch ein bisschen Damien Rice.

Erstveröffentlicht bei concert-news.de